Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch mit Dr. Benigna von Krusenstjern

Missverständnisse und Irrtümer auch nach 75 Jahren

Zum Umsturzversuch am 20. Juli 1944 gibt es eine Vielzahl an Buchveröffentlichungen und Filmen. Das Thema gilt unter vielen Historikern als „ausgeforscht“, wesentliche neue Erkenntnisse werden nicht mehr erwartet. Dennoch, das machte die Göttinger Historikerin und Trott-Biographin Dr. Benigna von Krusenstjern im Imshäuser Gespräch deutlich, gibt es zahlreiche Missverständnisse, Pauschalisierungen und Irrtümer über den deutschen Widerstand gegen Hitler, die immer wieder verbreitet und wiederholt werden.

Vielfach, so Krusenstjern, sei vielen Menschen, die über Widerstand sprächen und Argumente wie die mangelnde Demokratietauglichkeit der Widerstandskämpfer oder das zu späte Handeln vorbrächten, nicht bewusst, dass Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur lebensgefährlich gewesen sei. Auch das Entstehen von Missverständnissen und Fehleinschätzungen sei kaum verwunderlich, schließlich sei wegen der Notwendigkeit zur Konspiration nur wenig Schriftliches mit verfänglichem Inhalt entstanden und überliefert worden. Schon ab 1933 sei es nicht mehr möglich gewesen, in Deutschland frei zu sprechen oder zu schreiben. Dabei sei es, so Krusenstjern, die sich mehr als zehn Jahre intensiv mit der Biographie Adam von Trotts auseinandergesetzt hat, wichtig gewesen, die Netzwerke und die Beteiligten nach Möglichkeit zu schützen. Dies sei vor allem mit einem äußerst sparsamen und vorsichtigen Umgang mit konkreten Informationen, wie beispielsweise den Namen anderer Beteiligter, erreicht worden. Nicht jeder habe die anderen Mitglieder der Netzwerke gekannt, Treffen fanden häufig in kleineren Kreisen statt, was dazu gedient habe, dass jeder auch in Verhörsituationen nur begrenztes Wissen preisgeben konnte.

Die Göttinger Historikerin und Trott-Biographin Dr. Benigna von Krusenstjern im Imshäuser Gespräch.

Aber auch die Propaganda der Nationalsozialisten habe noch bis weit in die Nachkriegszeit hinein ihre Wirkung getan: Der 20. Juli sei kein „Medienereignis“ im heutigen Sinne gewesen. Die Informationen seien in der gleichgeschalteten Presse verzerrt worden, sodass die Legende von der „kleinen Clique“ auch nach dem Krieg verbreitet gewesen sei, obwohl allein die große Zahl der Gerichtsverfahren und Hinrichtungen einen anderen Schluss nahegelegt hätten. Auch das Argument, dass die Widerstandskämpfer „keine Demokraten“ gewesen seien, ließ Krusenstjern in seiner Pauschalität nicht stehen: Diejenigen, die hingerichtet wurden, hätten nie die Gelegenheit gehabt, sich in der Demokratie zu bewähren. Andere, die überlebt hätten, hätten dies sehr wohl getan. Den Beteiligten am 20. Juli sei es nicht um das Attentat gegangen. Ein erfolgreicher Umsturz wäre eine wesentliche Voraussetzung für die Wiederherstellung des Rechtsstaates, die Beendigung des Krieges und die Etablierung einer Übergangsregierung gewesen. Sicher, so betonte Benigna von Krusenstjern, sei der Zeitpunkt im Sommer 1944 spät gewesen. Den Beteiligten sei durchaus bewusst gewesen, dass der Krieg verloren sei und die Besetzung des Landes unvermeidlich. Dennoch müsse man bedenken, dass dieser Versuch nicht der erste und einzige gewesen sei.

An diesem Abend wurde auch daran erinnert, dass das Buch Benigna von Krusenstjerns über Adam von Trott vor zehn Jahren im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist und bereits in vierter Auflage vorliegt. Sarah Reinke von der Stiftung Adam von Trott und Levin von Trott zu Solz würdigten das Buch als wesentlichen Meilenstein für das Verständnis Adam von Trotts.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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