Vortrag über das Verhältnis von Religionen und Politik in Imshausen
Macht Religion Politik? Religion Macht Politik
Nicht erst der 11. September 2001, der sich in diesem Jahr zum zehnten Mal jährt, hat die Frage nach den Verbindungen zwischen Religion und Politik aufgeworfen. Das machte der ehemalige Vorsitzende des Ökumenischen Weltkirchenrates, Konrad Raiser, deutlich, als er während des Imshäuser Jahrestreffens sein neues Buch mit dem bewusst doppeldeutig formulierten Titel „Religion Macht Politik“ vorstellte. Dass das Interesse an dieser Frage groß war, wurde bereits am Publikumszuspruch und der engagierten und lebhaften Diskussion im Anschluss an den Vortrag Raisers deutlich.
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Konrad Raiser. |
Bei der Beschäftigung mit dieser Frage, so Raiser, komme man zwangsläufig immer wieder auf das Problem der Trennung beziehungsweise Kooperation zwischen Staat und religiösen Gemeinschaften. Hierzu gäbe es nicht nur zwischen muslimisch und christlich geprägten Staaten eklatante Unterschiede. So hätten beispielsweise die USA ein völlig anderes Verhältnis zu Religionen, was sich nicht zuletzt in dem großen Einfluss spiegele, den insbesondere evangelikale Glaubensgemeinschaften immer wieder auf die amerikanische Politik nähmen.
Die zentrale Frage, die Raiser aufwarf war die, ob es überhaupt einen eigenständigen Beitrag der Religionen bei der Suche nach einer neuen Weltordnung geben könne. Oder müssten sich die Religionen, weil sie an einigen Stellen Auslöser oder zumindest Verstärker von Konflikten sein könnten, nicht vielmehr aus politischen Fragen heraushalten?
Raiser beantwortete diese Fragen mit einem Appell an die religiösen Gemeinschaften, sich jederzeit und überall für die Unverletzlichkeit der Menschenwürde, der Menschenrechte sowie der Religions- und Gewissensfreiheit einzusetzen.
Ein großes Problem sah Raiser in den Ausprägungen des Fundamentalismus, der nicht nur in Form des Islamismus öffentlich werde, sondern auch christliche und viele andere Religionsgemeinschaften betreffe. Fundamentalismus entstehe meist durch die Radikalisierung von Reformbewegungen und durch die Verhärtung von Gegensätzen zwischen religiösem Anspruch und der Realität. Fundamentalismus mit Traditionalismus gleichzusetzen sei zu einfach. Er sei vor allem eine Reaktion auf gesellschaftlichen Wandel und Folge eines kulturellen Bruchs durch den Traditionen ihre Selbstverständlichkeit verlören.
Wie Religion politische Entwicklungen durchaus positiv beeinflussen können, zeigte der Beitrag, mit der Vorsitzende der Stiftung Adam von Trott, Dr. Reinhard Höppner als Moderator der Veranstaltung und „gelernter DDR-Bürger“ den Vortrag Raisers ergänzte: Höppner betonte, dass die Kirchen in der DDR einen sehr wichtigen Beitrag zur friedlichen Revolution geleistet hätten. Sie wären nahezu die einzigen Institutionen gewesen, die den öffentlichen, geschützten Raum zur Verfügung stellen konnten, in dem die späteren Akteure der Bürgerbewegung sich hätten konstituieren können.
Konrad Raiser betonte am Schluss, dass er große Hoffnung auf die bereits begonnenen Prozesse der inter-religiösen Dialoge setze, die nicht zuletzt unter Beteiligung von Vertretern unterschiedlicher Positionen innerhalb des Islam zunehmend an Klarheit und Übereinstimmung gewonnen hätten. Im positiven Sinne hätten die Religionen durchaus das Potenzial, zum Hüter der kulturellen Traditionen zu werden und gleichzeitig für eine Öffnung und den Aufbau einer „Kultur des Dialogs und des Friedens“ einzustehen. Damit, so Raiser, träten sie nicht in Konkurrenz zu den Aufgaben der Politik, sondern ergänzten diese durch ihren speziellen, spirituellen Beitrag.
Diese Artikel sind erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de
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