Donnerstag, 23. Februar 2012

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Imshäuser Gespräch thematisierte Folgen der Wiedervereinigung

Zukunftsperspektive statt Freilichtmuseum

Auch 21 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands brauchen sowohl der Ost- als auch der Westteil offensichtlich noch längere Zeit, um tatsächlich aufeinander zuzugehen. Eine echte „Mischung“ zwischen ehemaligen „Ossis“ und „Wessis“ ist zumindest bei den Generationen, die zur Zeit der friedlichen Revolution bereits erwachsen waren, bislang nicht zustande gekommen.

Dr. Christoph Links.

Zu diesem Schluss kam der Verleger und Publizist Dr. Christoph Links aus Berlin, der am historischen Datum 17. Juni in Imshausen seine Sicht auf gegenwärtige deutsch-deutsche Befindlichkeiten darstellte. Moderator Prof. Dr. Urs Müller-Plantenberg stellte Links als „eine der bemerkenswertesten Verlegergestalten in Deutschland“ vor. Der studierte Lateinamerikanist Links hatte noch im Dezember 1989 zusammen mit zwei Partnern den ersten privaten und unabhängigen Buchverlag in der DDR gegründet. Bis heute ist der Christoph Links-Verlag einer der wichtigsten Verlage für die Publikation von Büchern zur deutschen Zeitgeschichte und Politik.

Die deutsche Einheit, so Links, sei in vielfacher Hinsicht bis heute ein verzwickter Gegenstand. Die größten Probleme in Bezug auf die „innere Einheit“ bestehen aus Links' Sicht nach wie vor im wirtschaftlichen Bereich. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion sei 1990 sehr schnell und mit großem Druck (wohl auch wegen der für Herbst 1990 anstehenden Bundestagswahlen) eingeführt worden. Dadurch seien zahlreiche Betriebe sehr schnell – manche möglicherweise auch vorschnell - „abgewickelt“ worden und nicht immer erweise sich das Vorgehen der Politik aus heutiger Sicht als richtig. Übrig geblieben seien nur rund 20 Prozent der ostdeutschen Wirtschaft. Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Abbaus nach der Wiedervereinigung schilderte Links am Beispiel seiner eigenen Branche. Nur rund 2,2 Prozent der Buch-Neuerscheinungen kämen heute aus dem Osten, die meisten Verlage seien von größeren Konkurrenten aus dem Westen gekauft worden. Durch den Rückgang der ostdeutschen Wirtschaft hätten die Menschen vielfach ihre Berufs- und Lebensperspektive eingebüßt, sodass die Lebensverhältnisse in Ost und West auch gegenwärtig weiter auseinanderdrifteten. Auch die Abwanderung und der demographische Wandel tue hierbei sein Übriges, sodass manche liebevoll restaurierte Stadt zum Freilichtmuseum ohne Bevölkerung zu werden drohe.

Gerade vor dem Hintergrund der vielen negativen Berichte in einigen Medien drohten die vielen kreativen Projekte, die es auch in den ostdeutschen Ländern inzwischen gebe, zu verblassen. Doch es sei alles andere als produktiv, beim bloßen Jammern über ungünstige Lebensumstände und „ostalgischer“ Verherrlichung einer gar nicht so glorreichen Vergangenheit zu verharren. Links berichtete, dass sein Verlag daher in einem Buch eine Reihe solcher Projekte vorstelle, die Mut machten, mit neuen Ideen den Problemen zu begegnen. Um diese Projekte weiter zu unterstützen und zu vernetzen, habe man ein Internetportal www.zukunft-ostdeutschland.de) ins Leben gerufen.

Dass die Perspektiven auf die Wiedervereinigung Deutschlands durchaus sehr unterschiedlich bewertet werden, zeigte sich spätestens in der anschließenden, durchaus kontroversen Diskussion. Dennoch blieb als Fazit am Schluss die Erkenntnis, dass es zur Vollendung der Einheit noch weitaus mehr Zeit brauche, als nur 22 Jahre.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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