Esther-Marie Ullmann-Goertz las aus ihrem Leben
Ein Gedicht für jeden Tag
Jeder Tag ein Fest, für jeden Tag ein Gedicht. Und für jeden Monat steht ein Bild. "Tage Feste", diesen Titel trägt der Gedichtband von Esther-Marie Ullmann-Goertz aus Berlin, aus dem die Autorin dem Publikum beim Imshäuser Gespräch einige Texte vorstellte. Jedem Tag eines Jahres hat Ullmann-Goertz, die als Pfarrerin zu den Gründerinnen der Gruppe "Solidarische Kirche" in der DDR zählte, ein kurzes Gedicht gewidmet. Nicht nur persönliches Reflexionen sind dabei herausgekommen, sondern aus ihrer Perspektive als DDR-Bürgerrechtlerin, die wie sie betonte, in zwei Deutschländern gelebt hat, auch Blicke auf die Veränderungen, die sich in Deutschland und Europa (besonders in Ullmann-Goertz' zweiter Wahlheimat Polen) seit 1989 vollzogen haben.
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Esther-Marie Ullmann-Goertz. |
Von den Frauen der Widerstandskämpfer des 20. Juli ist da die Rede, von unausgepackten Erinnerungskoffern, von ehemaligen Stasispitzeln und ausgebesserten Kirchen ist da die Rede und von der noch nicht aufgearbeiteten Geschichte zweier deutscher Diktaturen. Aber auch ganz persönliche Begegnungen mit Menschen und Gefühlen scheinen in vielen der sehr kurzen, knapp gehaltenen Texte durch, die von ihren poetischen Bildern lebten.
Den Gedichten gegenübergestellt waren Bilder des Fotografen Kai Ziegner aus Berlin, die an diesem Abend ebenfalls in Imshausen zu sehen waren. Jeweils einen Monat war ein Bild zugeordnet, die mit den Texten korrespondierten und die die Stimmungen der Gedichte reflektierten.
Ullmann-Goertz gab bei ihrer Lesung auch Einblicke in ihre Werkstatt und in ihre Biographie, ohne die ihre Gedichte nicht denkbar seien. Als Tochter eines Pfarrers war ihr der normale Bildungsweg in der DDR versperrt und sie besuchte eine kirchliche Schule, die ihr als einziges mögliches Studienfach lediglich die Theologie ermöglichte. Schon früh kam Esther Ullmann-Goertz, die heute als wissenschaftliche Referentin für einen familienpolitischen Verband tätig war, in Kontakt mit Kunst und Literatur. Sie sei, so berichtete sie, unter Menschen sozialisiert worden, für die Kunst und Kultur eine wichtige Rolle gespielt hätten. Bereits mit 13 Jahren habe sie begonnen, Gedichte zu schreiben. Für diese habe es aber auf dem offiziellen Literaturmarkt der DDR keine Veröffentlichungsmöglichkeiten gegeben. Sie sei bis 1989 Teil dessen gewesen, was in der DDR als "Untergrund-Kunst" in bestimmten Kreisen recht verbreitet gewesen sei. Viele ihrer Texte seien als so genannte "Samisdat-Schriften" in kleinen Auflagen verteilt worden.
Mit Musik verschiedener Epochen aus europäischen Ländern rundeten Holger Reuning (Bad Hersfeld) und Rainer Bährens (Rotenburg) die sehr intensive Lesung musikalisch ab. Mit brillantem Gitarrenklang und viel Gefühl für die Stimmung im Publikum trugen sie entscheidend dazu bei, dass die Lesung für alle Sinne etwas zu bieten hatte.
Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de
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