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Imshäuser Gespräch mit Juna Grossmann zu alltäglichem Antisemitismus

Vom Gefühl auf gepackten Koffern zu sitzen

Von Ute Janßen

„Und wann gehen Sie wieder nach Hause?“ – bevor Juna Grossmann diese Frage gestellt wurde, ganz beiläufig während ihrer Arbeit als Mitarbeiterin in einer NS-Gedenkstätte in Berlin, hätte sie sich nicht vorstellen können, darüber nachzudenken ihr Heimatland zu verlassen. Im Imshäuser Gespräch stellte Juna Grossmann ihr Buch „Schonzeit vorbei“ vor, in dem sie sich mit dem Phänomen des alltäglichen Antisemitismus auseinandersetzt.

Imshäuser Gespräch mit Juna Grossmann zu alltäglichem Antisemitismus.

Und es sind noch nicht mal nur die deutlichen Zeichen eines veränderten Klimas wie der Angriff auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr, sondern viele kleine Signale, die nicht nur bei Juna Grossmann, sondern bei vielen Deutschen jüdischen Glaubens das Vertrauen in die deutsche Gesellschaft beschädigen und die in ihnen wieder das Gefühl auslösen, auf gepackten Koffern zu sitzen. Schon seit 2008 veröffentlicht Juna Grossmann Texte auf ihrem Blog irgendwiejuedisch.com. Ihr geht es dabei vor allem um Spurensuche, um ihre eigene Identität. Über Antisemitismus hatte sie nie schreiben wollen. Seit 2014, seit dem erneuten Aufflammen des Nahost-Konflikts in Gaza und Israel beobachtet sie jedoch eine deutliche Zunahme hasserfüllter Kommentare und E-Mails, die trotz Anzeigen bislang ohne rechtliche Konsequenzen geblieben sind. Häufig sind es Aussagen wie „Ihr kommt hierher in unser Land, warum geht Ihr nicht nach Hause in Eure Heimat?“, Kommentare von Menschen, die sich als vorgebliche Opfer der deutschen Erinnerungskultur stilisieren zur angeblichen Gier von Juden oder Botschaften wie „Der Zug nach Auschwitz wartet“. Es seien nicht nur, wie häufig angeführt, Migranten oder Rechtsextreme, die antisemitische Vorurteile hätten. Auch bei manchen Linken seien antisemitische Ressentiments in den letzten Jahren zunehmend salonfähig geworden.

Auch tätliche und verbale Angriffe im öffentlichen Raum nehmen, so konstatierte Grossmann, spürbar zu: Nahezu jeder ihrer jüdischen Freunde habe eigene Erfahrungen mit antisemitischer Gewalt machen müssen. Und dabei gehe es nicht nur um das Tragen von Kippa oder Davidsstern in der Öffentlichkeit, die häufig auch von der Polizei als Provokation verstanden würden: „Warum gehen Sie denn auch so raus?“ Juna Grossmann schilderte unter anderem, wie ihr Freund Chajm Guski auf einer Vortragsreise beschimpft und durch die Bad Hersfelder Fußgängerzone gejagt wurde, bevor er sich in eine Buchhandlung flüchten konnte. Die Autorin las in Imshausen auch einige der Passagen aus an sie gerichteten Hassmails vor und schilderte die Wirkung, die solche Nachrichten auf sie haben. Und sie appellierte an das Publikum in Imshausen, dass niemand sich in Sicherheit wiegen könne: Die vermeintlich „sicheren Häfen der Vorurteilsfreiheit“ gäbe es in der Realität nicht. Nicht für Jüdinnen und Juden und auch für niemand anderen. Antisemitismus sei ein Phänomen, das in allen gesellschaftlichen Schichten anzutreffen sei. Es beginne beim Mobbing in Schulen, zum Teil bereits in Kindertagesstätten. Niemand sei dagegen gefeit. Doch Bildung, so betonte Grossmann, sei ein wesentlicher Schlüssel. Das sei auch der Grund, warum sie sich bewusst nicht verstecke, sondern sich in der Wissensvermittlung beteilige.

Am Schluss blieb vor allem das trotzig-optimistische Fazit im Gedächtnis, das Juna Grossmann in ihrem Buch zieht und mit dem sie an die vermeintliche „Mehrheitsgesellschaft“ appelliert: „Und dennoch, die Koffer sind gepackt, wenn ich sehe, dass die wenigen Stimmen, die aufbegehren, die für eine gleichberechtigte Gesellschaft kämpfen und gegen den Hass, weniger werden und wenn es nichts mehr gäbe, um das es sich zu kämpfen lohnt. Dann gehe ich. Doch so lange: Hineni – hier bin ich.“

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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