Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Freitag, 12. April 2019, 19.00 Uhr | Imshäuser Gespräch

Die Treuhand

„Negativ-Mythos“ der Wendezeit?

Gespräch mit
Dr. Marcus Böick
Historiker (Ruhr-Universität Bochum)
Herrenhaus im Trottenpark Imshausen

Der Prozess der Wiedervereinigung wurde zu Beginn voller Freude und Enthusiasmus gefeiert. Doch schon bald zeigte sich, dass sich dahinter mehr verbarg, als nur der Wegfall der innerdeutschen Grenze, der Zugang zu einer bunten Warenwelt und die Möglichkeit der unbeschränkten Reisefreiheit. Für die Zeitgenossen war die Wiedervereinigung eine absolut historisch einmalige Aufgabe. Für die tiefgreifenden Veränderungsprozesse gab es keine ausgefeilten oder differenzierten Blaupausen.

Eine besondere – und in der Rückschau je nach Perspektive ambivalente Rolle – spielte in diesem Prozess die Treuhandanstalt. Sie gilt als eine der umstrittensten Organisationen in der deutschen Geschichte. Als „größtes Unternehmen der Welt“ führte sie einen Vermögensumbau in bis dahin unbekanntem Ausmaß durch. Zwischen kollabierendem Realsozialismus und sich globalisierendem Kapitalismus überführte ihr Personal die »volkseigenen« Betriebe der DDR vom Plan zum Markt. Besonders in den östlichen Bundesländern wird die Treuhandanstalt vielfach als Abwicklungseinrichtung des Westens wahrgenommen, die quasi den Osten „ausverkauft“ und das Volksvermögen veruntreut hat. Andererseits waren gerade die Treuhandmanager diejenigen, die ab Sommer 1990 sehr unmittelbar mit den Folgen der Wirtschafts- und Währungsunion und mit der Erwartung möglichst schneller Fortschritte bei Privatisierung und Konsolidierung der vorhandenen Betriebe konfrontiert waren.

Die Treuhandanstalt ist nach wie vor ein zentrales Symbol für die Schattenseiten der Wiedervereinigung. Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer ist es wichtig, dass wir uns dieser Zeit intensiver zuwenden, auch um zu analysieren, woher die starke, bis heute anhaltende Ost-West-Polarisierung zustande kam.

Zur Person

Dr. Marcus Böick wurde in Sachsen-Anhalt geboren und studierte Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Nach seinem Master-Abschluss war er als Lehrbeauftragter am Historischen Institut der RUB und als Koordinator des Projektes zur Geschichte der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ)“ tätig. Seit 2014 arbeitet er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut (Professur für Zeitgeschichte. Böicks 2016 abgeschlossene Dissertation wurde unter dem Titel „Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990-1994“ 2018 im Göttinger Wallstein-Verlag veröffentlicht.

Wir laden Sie herzlich ein. Der Eintritt ist frei, über eine Spende freuen wir uns.


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'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
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Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.