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Ernst Ulrich von Weizsäcker plädierte im Imshäuser Gespräch für eine neue Aufklärung

Veränderung statt Zerstörung

Bis in die 1950er Jahre hinein lebte die Menschheit in einer „leeren Welt“, das hat sich mittlerweile verändert. Ein starkes globales Bevölkerungswachstum bei ungebremstem Ressourcenverbrauch sei, so betonte der ehemalige Ko-Vorsitzende des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker im Imshäuser Gespräch, allerdings kein funktionierendes Grundmodell für das Leben in einer „vollen Welt“, in dem nach Schlacht- und Haustieren und dem Menschen ohnehin nur noch drei Prozent des Raumes für Wildtiere blieben.

Weizsäcker warnte vor den Folgen einer weiterhin vor allem auf grenzenloses Wachstum fixierten Welt- und Wirtschaftsordnung. Gegen die Folgen der Klimaveränderung, die sich schon jetzt durch Hurrikans, den steigenden Meeresspiegel und zunehmende Wetterextreme bemerkbar mache, seien die Auswirkungen des Zustroms von Flüchtlingen im Jahr 2015 ein reines „Sandkastenspiel“. Die Verwendung des Begriffs „Naturzerstörung“ sei in diesem Zusammenhang keine Übertreibung, sondern schlichte Realität. Auch die Reaktion der Wirtschaft auf die Anforderungen der Klimarettung bezeichnete Weizsäcker als völlig falsch. Ihre Vertreter gingen von der Annahme aus, dass Klimarettung teuer sei und nur mithilfe von noch mehr Wachstum gehen könne. Dies funktioniere jedoch in der Praxis nicht, weil vermehrtes Wachstum zugleich einen Anstieg des CO2-Austausches bewirke. Damit so Weizsäcker, verschlimmere gerade die vermeintliche Therapie die eigentliche Krankheit. Die Politik stehe heute viel zu sehr unter dem Druck durch das Kapital. Das, so Weizsäcker, müsse dringend verändert werden. Die Politik müsse wieder die wichtigste Kraft im Staat werden.

Ernst Ulrich von Weizsäcker plädierte im Imshäuser Gespräch für eine neue Aufklärung.

Ernst Ulrich von Weizsäckers leidenschaftliches Plädoyer für eine „neue Aufklärung“, eine grundlegende Veränderung, die nicht nur die Wirtschaft und die Bemühungen um die Ökologie betreffe, sondern auch eine Reaktion auf eine tiefgehende philosophische Krise sei, stieß beim Publikum im mehr als voll besetzten Veranstaltungssaal auf offene Ohren. Das zeigte sich auch bei der anschließenden, sehr engagiert geführten Diskussion.

Weizsäcker widerlegte auch die gängigen Interpretationen großer Denker der „alten Aufklärung“ wie Adam Smith, David Ricardi und Charles Darwin, die nach wie vor gerne als Beleg für die Richtigkeit der gegenwärtigen Entwicklung herangezogen würden. Ihre Aussagen funktionierten nicht in einer globalisierten Welt, sie seien zugeschnitten auf geographisch und juristisch begrenzte Wirtschafts- und Naturräume. Gerade die Abwesenheit von Konkurrenz sei eine wesentliche Voraussetzung für die Evolution. In der Ökonomie, so der Publizist und Naturwissenschaftler Weizsäcker, komme die alte Aufklärung meist in Gestalt von Egoismus und Sozialdarwinismus daher, die dafür sorge, dass diejenigen, die der Konkurrenz nicht standhalten könnten, ausgemerzt würden. Gerade in den USA sei dieses Gedankengut erschreckend präsent.

Die heutigen Trends – insbesondere das starke Bevölkerungswachstum in einigen Regionen der Erde – so das Fazit Weizsäckers, seien alles andere als nachhaltig. Eine zu starke Bevölkerungszunahme schwäche Entwicklung, statt sie zu fördern. Die von Ernst Ulrich von Weizsäcker geforderte „neue Aufklärung“ müsse eine Entwicklung mit viel Balance und wenig Dogmatismus sein. Und man sei nicht gezwungen auf das Handeln der Politik zu warten. Gerade die Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel hätten die Möglichkeit, ihren Lebensstil bewusst zu ändern und ein neues Verständnis von Lebensqualität zu entwickeln, das nicht ausschließlich auf der Anhäufung materieller Werte basiere. „Wir sind dran!“ – den Titel seines aktuellen Buches wollte Ernst Ulrich von Weizsäcker auch diesbezüglich bewusst programmatisch verstanden wissen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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