Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Herwig Lucas und Jürgen Oßwald begeisterten mit Texten und Chansons

Teuer bezahlte Satire kontra Gratis-Dummheit

Von Ute Janßen

Von „Ich würde Dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken“ bis zu „Vernunft muss jeder sich erwerben, nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort“ reichte die Spanne der Texte, die der Schauspieler Herwig Lucas und sein musikalischer Partner Jürgen Oßwald (Klavier) für ihr Programm „Deutsche Töne“ zusammengestellt hatten, das sie auf Einladung der Stiftung Adam von Trott und des Bebraer Kulturzuges in der voll besetzten Halle des Imshäuser Herrenhauses präsentierten. Sie hatten dafür Chansons und Texte von Erich Kästner, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky zu einer Collage zusammengestellt, die einen tiefen Einblick in die historischen, geistigen und emotionalen Hintergründe des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts erlaubte.

Lucas und Oßwald spannten mit ihrem eindrücklichen und mithilfe klug kalkulierter, sehr akzentuierter Gesten und Affektwechsel wirkungsvoll gestalteten Programm einen Bogen, der von der Kindheit der drei Dichter bis zu ihrem Lebensende reichte und der auch die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe nicht aussparte. Sie trafen sowohl die melancholischen Töne als auch die Nuancen der scharfzüngigen Satire und der frivol-anzüglichen Texte, wie Kästners „Moralische Anatomie“ oder Ringelnatz‘ zweideutiges Gedicht über das Entblättern einer Zwiebel. Vom poetischen Seemannsgarn der Ringelnatz-Figur Kuddel Daddeldu reichte das Spektrum über die Beschreibung der berüchtigten Ananasbowle der „Simplicissimus“-Wirtin Kathi Kobus bis hin zum beklemmend aktuellen und bitterböse, zwischen ostentativer Harmlosigkeit und einem veritablen Ausbruch am Ende changierend vorgetragenen „Rosen auf den Weg gestreut“ von Kurt Tucholsky. Erich Kästners „Marschlied 1945“, brachte die Stimmung des Kriegsendes mit dem Satz „Ich hab ja den Kopf noch fest auf den Hals“ treffsicher auf den Punkt. Jürgen Oßwald erwies sich dabei nicht nur als versierter Klavierbegleiter, er verband, kommentierte und „moderierte“ die Texte und Chansons mithilfe musikalischer Einsprengsel völlig ohne Worte.

Herwig Lucas und Jürgen Oßwald begeisterten mit Texten und Chansons in Imshausen.

Die beiden Künstler zeigten Tucholsky, Ringelnatz und Kästner mit ihren hellen, aber auch mit den dunklen Seiten und sparten dabei auch Trauriges und Bitterkeit nicht aus. Immerhin endeten die „Goldenen Zwanziger“ mit der Blütezeit des Kabaretts für alle drei spätestens mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933. Obwohl sie, wie viele Dichter und Intellektuelle verzweifelt gegen die NS-Ideologie anschrieben, half es am Ende nicht: Kurt Tucholsky schrieb angesichts der Verbrennung seiner Bücher, die er unmittelbar miterlebte, über die „Großen Zeiten“, in denen die Dummheit zur Ideologie wurde und in denen ein Volk in geistiger Umnachtung versank. Nicht nur sein beißendes Spottlied über Joseph Goebbels dürfte dazu beigetragen, dass die Nationalsozialisten ihn schon vor 1933 ins Visier genommen hatten. 1935 nahm er sich im schwedischen Exil das Leben. Joachim Ringelnatz starb bereits ein Jahr zuvor – auch er war mit einem Auftrittsverbot belegt worden. Erich Kästner überlebte die Zeit des Nationalsozialismus in dem Zustand, den man später als „innere Emigration“ bezeichnete. Seine Texte markierten den Neubeginn des deutschen Nachkriegskabaretts.

Das Publikum im Imshäuser Herrenhaus erlebte historische Texte und Chansons, die nicht nur keinen Stauf angesetzt hatten, sondern sich im Gegenteil als erschreckend aktuell erwiesen. „Baut euch Illusionen auf, man darf sie bauen, aber nicht bewohnen“ rief Herwig Lucas am Schluss dem Imshäuser Publikum zu, bevor sich die beiden Künstler nach einem rundum gelungenen Abend mit Ringelnatz‘ „Kindergebetchen“ als Zugabe für den anhaltenden Applaus revanchierten.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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