Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Takt des Schulunterrichts geht auf preußischen Kultusminister August von Trott zu Solz aus Imshausen zurück

Die Stunde, die 45 Minuten hat

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

Ob der kleine August, der in Imshausen geboren ist, selbst unter langen Schulstunden gelitten hat – das weiß heute wohl niemand mehr. Sicher ist aber, dass er vor über 100 Jahren als preußischer Kultusminister für Gymnasien festlegte: Die Schulglocke solle künftig nach 45 Minuten zur Pause läuten. Da es noch nicht viele Schulen dieses Schultyps gab, ermöglichte die tägliche Unterrichtszeitverkürzung auch Schülern von außerhalb der Schulstädte den Zugang zu höherer Bildung, ohne am Schulort im Internat wohnen zu müssen.

Die Dauer von 45 Minuten orientiert sich am sogenannten Akademischen Viertel. An vielen Hochschulen beginnen die Vorlesungen um eine Viertelstunde später als im Vorlesungsverzeichnis angegeben und dauern daher keine volle Stunde. Dies begründet sich historisch aus der Notwendigkeit des räumlichen Wechsels von Dozenten und Studenten zwischen verschiedenen Vorlesungen.

Eine Schulklasse aus Solz Ende der 1920er-Jahre: Es zeigt die Kinder mit ihrem Lehrer, Herrn Mann, im Schulsaal für das 1. bis 4. Schuljahr, links ein Holzofen.

Bis heute gilt die Regelung, die Trottsche Regelung, die erstmals 1911 in einem Erlass verkündet worden ist. Sie nahm auch Rücksicht auf die zeitlich begrenzte Konzentrationsfähigkeit, so kann man in der Neuen Deutschen Biographie (NDB) nachzulesen. Die für die einzelnen Lektionen festgesetzte Zeitdauer sei dem Unterricht unverkürzt zu sichern, hieß es in dem Erlass. Eintragungen in das Klassenbuch oder die Prüfung von Hausarbeiten sollte die Lehrerschaft aus der Lehrstunde „fernhalten“.

Kritiker der 45-Minuten-Schulstunde gab es schon seit ihrer Einführung. Im „Lexikon der Pädagogik“ war 1917 zu lesen, dass „die Lehrer systematisch zu militärischer Pünktlichkeit, wenn nicht zu übereilter Hast angetrieben werden, die jede Behaglichkeit verbannt und die Nerven schädigt“. Das entspreche „dem ruhelosen Geiste unseres Zeitalters“.

Die Schulstunden sind heute in den Ländern unterschiedlich. So dauern sie in Österreich 50 Minuten, in Frankreich 55 und in den USA 60 oder 90 Minuten. August Bodo Wilhelm Klemens Paul – so lauten sämtliche Vornamen des preußischen Staatsmanns, der am 29. Dezember 1855 in dem kleinen Dorf Imshausen und Stammsitz der Familie Trott zu Solz geboren wurde. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, verlor schon im Alter von zwei Jahren seinen Vater, der in einem Sanatorium in Württemberg starb – vermutlich an einem nicht erkannten Hirntumor, dessen Symptome als psychische Erkrankung missgedeutet wurden.

Ute Janßen von der Stiftung Adam von Trott meint, der Junge habe danach mit seiner Mutter Imshausen verlassen und sei in Dresden und Kassel zur Schule gegangen. Große Teile des von August von Trottschen Nachlasses existierten leider nicht mehr, erklärte Janßen. Belegt ist aber, dass er in Dresden das Vitzthumsche Gymnasium und in Kassel das Friedrichsgymnasium besuchte. Die Besetzung seiner kurhessischen Heimat durch Preußen 1866 fand der damals Zehnjährige empörend (NDB). Als Erwachsener entwickelte von Trott aber ein positives Verhältnis zum preußischen Staat, dem der bekennende Hesse jahrzehntelang diente.

Von Trott studierte ab 1875 Rechts- und Staatswissenschaften in Würzburg, Heidelberg und Leipzig. Später begleitete er den hessischen Landgrafen Friedrich Wilhelm (1854–88) auf Reisen nach Frankreich, durch den Vorderen Orient und nach Java. Von Trott war Landrat der Kreise Höchst/Main und Marburg. 1894 ging er zum preußischen Innenministerium nach Berlin, später als Regierungspräsident nach Kassel. 1909 berief der preußische Ministerpräsident Theobald v. Bethmann Hollweg den gebürtigen Imshäuser als Kultusminister in sein Kabinett.

Hier führte er nicht nur die 45-Minuten-Schulstunde ein, sondern begründete 1911 auch die staatliche Jugendpflege in Preußen. Aufschlußreich für seinen Führungsstil ist seine Dienstanweisung für Schuldirektoren, gegenüber Lehrern „das Verhältnis des Vorgesetzten nicht ohne Not zu betonen“ und auch „jedem die Freiheit zu lassen, nach seiner Eigenart sein Bestes zu tun“, um dadurch „das Gefühl der Verantwortung und die Freude am Gedeihen des gemeinsamen Werkes zu kräftigen“ (1910).

Entscheidenden Anteil hatte er zudem an der Gründung der Stiftungsuniversität Frankfurt/Main 1914, an der Professoren unabhängig vom religiösen Bekenntnis wirkten – auch die jüdischen Glaubens.

Weil von Trott gegen die Einführung des gleichen Wahlrechts in Preußen war, reichte er im Juli 1917 seinen Abschied aus dem Kabinett ein. Danach wurde er Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, legte dieses Amt als überzeugter Monarchist aber im Sommer 1919 nieder. Trotzdem vertrat er in der Weimarer Republik von 1921 bis 1926 Hessen-Nassau im Reichsrat. Den Nationalsozialismus lehnte August von Trott zu Solz ab.

Gestorben ist er im Alter von 82 Jahren am 27. Oktober 1938 in seiner Heimat, wo er auf dem Familienfriedhof in Imshausen begraben ist.

Quellen: Benigna von Krusenstjern in der Neuen Deutschen Biographie, Ute Janßen und Sarah Reinke von der Stiftung Adam von Trott, Imshausen und Wikipedia.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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