Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über den Pazifisten Hans Paasche

Über ein unglückliches Volk

Einen „Denker von beklemmender Modernität“ stellte der Bremer Historiker und Verleger Helmut Donat dem Publikum im Imshäuser Herrenhaus vor. Einen Visionär, der sich bereits vor 100 Jahren für Freiheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzte und der dafür 1920 nach einer Denunziation von Reichswehrsoldaten brutal ermordet wurde. Den Namen Hans Paasches, dessen Grabstein heute an der Burg Ludwigstein nahe Witzenhausen zu finden ist, kennen heute nur Wenige. Zu diesen Wenigen, die mehr über Paasche wissen und denen es wichtig ist, dieses Wissen weiterzugeben, gehört Helmut Donat, der durch Paasche in den 1980er Jahren zum Verleger wurde.

Er fand damals keinen Verleger für ein Buch über Paasche, das er selbst geschrieben hatte, und gab es kurzerhand selbst heraus. Einige Jahre später entschloss er sich, auch das bekannteste Buch Paasches, die „Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“ selbst herauszugeben, weil sich wiederum kein anderer Verlag für dieses Buch interessierte.

Helmut Donatan über den Pazifisten Hans Paasche.

Der Marineoffizier Hans Paasche wurde 1905 nach einem Einsatz in Ostafrika, bei dem er an der Niederschlagung eines Eingeborenenaufstandes beteiligt war, zum konsequenten Pazifisten und Antikolonialisten. Darüber hinaus setzte er sich vehement für Naturschutz ein und engagierte sich für Alkoholabstinenz und ein nachhaltiges, wachstumsfreies Wirtschaftssystem. Mit seinen Ideen, so berichtete Donat, machte sich Paasche zahlreiche Feinde. Angefangen von seinen Vorgesetzten in der Marine, für die er immer ein „schwieriger Untergebener“ gewesen sei, bis hin zu seinem eigenen Vater, der ihn möglicherweise 1920 selbst denunzierte und damit den Anlass für die Haussuchung lieferte, in deren Verlauf Hans Paasche „auf der Flucht erschossen“ wurde. Donat zitierte ein Gedicht, das Kurt Tucholsky als Nachruf auf den von ihm sehr geschätzten Paasche verfasste.

1912 wurden die ersten Auszüge aus den fiktiven Briefen des „Lukanga Mukara“ veröffentlicht. In diesen Texten, aus denen Helmut Donat in Imshausen einige besonders prägnante Passagen las, berichtet ein Afrikaner seinem König über seine Beobachtungen in Deutschland. Mit kritischem Blick nimmt der gebildete und scharfsichtige Afrikaner die Lebensgewohnheit der Deutschen aufs Korn und schildert gesellschaftliche und wirtschaftliche Auffälligkeiten. Die Sicht auf die deutsche Gesellschaft erfährt mit diesem Perspektivenwechsel eine doppelte Brechung: Die Lebensumstände der Deutschen und am Kolonialismus werden mit den Augen eines Außenstehenden betrachtet. Ob es um das rastlose und – in Paasches Augen – schädliche Wirtschaftssystem, das „Rauchstinken“, das maßlose Trinken von Alkohol und vor allem um die Entfremdung des Menschen von sich selbst geht, Donat machte in seiner Lesung deutlich, dass die Kritik in den Texten treffend aber zugleich humorvoll und alles andere als moralinsauer daherkommt. Das Fazit des jungen Afrikaners: „Es ist unglücklich dieses Volk“.

Helmut Donat erinnerte in seinem Vortrag daran, dass viele der Forderungen Paasches bis heute nicht an Aktualität verloren haben. Der Krieg, so Donat, sei weiterhin der Gegenpol der Menschlichkeit und der Völkermord werde auch gegenwärtig als Vorwand für Machtpolitik benutzt. Er erinnerte daran, dass der Erste Weltkrieg auch deswegen ein wirklicher Weltkrieg gewesen sei, weil an ihm viele Soldaten aus den Kolonialgebieten – zu erheblichen Teilen als Zwangsrekrutierte – teilgenommen hätten, die bis heute im Zusammenhang mit der Diskussion über die Folgen des Krieges kaum wahrgenommen würden. Die Kolonien seien Schlachtfelder gewesen oder hätten als Liefergebiete für billige Rohstoffe und Soldaten gedient. Daher sei es heute ein Gebot der Stunde, Flüchtlingen, die vielfach aus diesen Regionen stammten, Respekt und Humanität entgegen zu bringen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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